zust.z.gefl.K. *
Der Schockwellenreiter ist auf einer Zugreise Zeuge Opfer von sehr häßlicher Ausdrucksweise geworden.
Beim Lesen fiel mir ein, daß ich schon lange was über die ungewöhnlichen Gepflogenheiten bei meiner neuen beruflichen Wirkungsstätte schreiben wollte. Da kursiert zwar zum Glück kein denglisches Dummschwätz, sondern nur bisweilen verschwurbelt-angestaubter Pädagogenslang (wenn ich noch einmal “ein Stück weit” oder “perspektivisch” höre, krieg ich Pickel!).
Dafür wimmelt es nur so von Abkürzungen.
Am Anfang konnte ich einer dienstlichen Konversation kaum folgen und kam aus dem “Möööp!”-Rufen kaum raus. Bis sich wer erbarmte und mich auf das Abkürzungsverzeichnis im Intranet hinwies.
Ein schlankes Brevier übrigens mit rund dreißig Seiten.
Schönen Dank auch.
Inzwischen gehen mir die Abkürzungen so leicht von den Lippen, daß ich merke, wie Außenstehende oft die Stirn runzeln, wenn ich loslege, oder sie (falls mir ein etwas forscheres Gemüt gegenübersteht) laut “Möööp!” rufen und um Erklärung bitten. Anscheinend wurde ich in den zwei Monaten schon assimiliert.
Nur manchmal muß ich noch stutzen, wie etwa neulich, als ich “VET” las. Der geneigte Tierhalter denkt natürlich erst an den Tierarzt, doch das paßte so gar nicht in den Kontext.
“Voraussichtlicher Entbindungstermin” hingegen war sinnvoller und auch richtig.
Eine weitere Schrulligkeit meiner neuen Arbeit ist die Hauspost. Ich komme aus der Arbeit bei kleinen bis mittelgroßen Organisationen mit dezentralen Strukturen. Da gab es maximal Fächer der einzelnen Mitarbeiter, in die man seine Sachen einwarf, nachdem man sich zu Fuß dort hin begeben hatte.
Die externe Post brachte man damals selbst in die fußläufig gelegene Verwaltung, oder man haute alle paar Monate die Zentralmaus um ein paar Marken an. Und brachte seinen Scheiß dann höchstselbst zum Briefkasten.
In den ersten Tagen war ich doch sehr irritiert, daß jemand seinen Kopf in mein Büro steckt, um nach meinem “Körbchen” zu gucken bzw. es zu füllen. Und das gleich zweimal am Tag — oder auch dreimal, ich hab noch nicht so ganz begriffen, in welchen Turnussen Turnis Turnen Turnüssen Abständen das stattfindet.
(Ich hab es nachgeschaut: Die Mehrzahl von Turnus heißt… Turnus, mit langem u am Ende. Genau wie bei Status. Hach, diese unregelmäßigen Konjugationen haben mir damals in Latein schon fast das Genick gebrochen.
Vor allem, weil es in diesem Fall eine Deklination ist.
“Turnusse” ginge auch, doch das macht einen ja ganz und gar fertig.)
Gruselig war auch (an einer anderen Arbeitsstelle) mein erster Kontakt mit einem Diktiergerät, auf das ich einen Text aufsprechen sollte, der später von kundiger Hand digitalisiert werden sollte. Ging gar nicht, weil ich die Zeit zum Tippen auch zum Denken brauche und ich ganz hibbelig werde, wenn ich nicht nochmal nach oben springen und einen Absatz einfügen kann.
Aber eigentlich wollte ich eine Geschichte von den Abkürzungen erzählen.
Bei uns gibt es Kontaktmanager. Ein Kontaktmanager ist nach außen hin der Ansprechpartner für bestimmte Projekte. Das nimmt zwar den alten kafkaesken Behördencharme, weil man sich als Außenstehender nicht mehr von Gesprächspartner zu Gesprächspartner hangeln und sich nach einer halben Stunde Weiterverbinderei fragen muß, ob man noch in der Leitung ist.
Aber es gibt Charismapunkte für die Dienstleisterhitparade, wenn es nur noch einen Zuständigen gibt. Und darum gibt es Kontaktmanager.
Auch die Projekte und Maßnahmen haben lustige Namen, die manchmal Abkürzungen aus der vollen Bezeichnung des Projekts sind. Ein neues davon trägt einen Frauennamen, aber da ich mir die volle Beschreibung nicht gemerkt habe, kann ich mir auch einfach einen Frauennamen für das Projekt ausdenken. Ich nenne es mal “Andrea”.
Für dieses neue Projekt wurde noch ein Kontaktmanager gesucht. Ein Kontaktmanager heißt in Firmensprech “KoMa”.
Und so produzierte unsere Leitung in der Teamsitzung den denkwürdigen Satz:
“Wer macht den KoMa von Andrea?”
Vor meinem geistigen Auge tauchte ein Teamkollege auf, der eine zierliche weibliche Person mit einem Schlag umhaut. Es dauerte eine Weile, bis ich das Glucksen im Griff hatte und mein Grinsen unterdrücken konnte.
So.
Und für diese mickrige Pointe habe ich den ganzen Sermon hier veranstaltet. Aber der Weg ist das Ziel, der Hunger kommt beim Essen, und runter kommen sie alle.
Oder so ähnlich.
* Der Titel steht übrigens für “zuständigkeitshalber zur geflissentlichen Kenntnisnahme”.
Keine Abkürzung, die bei meinem Arbeitgeber in Verwendung ist, sondern von hier übernommen. So konsequent Abkürzungen zu verwenden und dabei auf das vollkommen überflüssige (aber nichtsdestotrotz niedliche) “geflissentlich” nicht verzichten zu wollen, ist ja wohl maximal schrullig.