Ups! I do it again
Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist. Ich meine, ich habe ja wirklich nen Arsch voll Kram zu tun:
- Ein Vollzeitjob mit neuem Aufgabengebiet will gut gemacht werden.
- Der Haushalt liegt zeitweise so komplett darnieder, daß ich manchmal mit einem Besuch der Seuchenschutzbehörde rechne. Nicht zuletzt daran schuld ist:
- Der
kleineschwarze Hund, der Frauchen nicht mit dem Putzlappen sehen, sondern bespaßt werden will. Gerne auch heftig und häufig. - Drei Steuererklärungen warten auf mich (bMwg, ich privat und ich gewerblich). Und werden fleißig immer wieder verschoben.
- Die inzwischen nicht mehr ganz so neue Baustelle im Hausflur könnte meine beiden ungeschickten Hände vertragen, indem ich etwas Gips in die Spalten der Regipswände massiere, die Decken tapeziere und das Treppengeländer anschleife.
- Zwei Weblogs möchten gefüttert werden — und hungern doch im Moment heftig.
Und dennoch:
Am letzten Samstag saß ich vor dem Fernseher und hatte keine Lust, den Laptop auf dem Schoß zu balancieren. Die Regalflächen, die ich noch erreichen konnte, ohne aus der Sichtweite des Films zu gelangen, waren sauber, und die Fingernägel waren auch gefeilt.
Ich hatte die Hände frei und dachte mir:
Stricken — Das wäre es jetzt!
Vor einem gefühlten halben Jahrhundert habe ich mal Socken gestrickt. Ein Paar meiner angefangenen Socken nebst einigen Wollknäueln hatte mir meine Mutter im Zuge eines originell verpackten Geldgeschenkes vor einigen Jahren nach Ostwestfalen geschickt.
Die zog ich letzten Samstag wieder hervor. Um festzustellen, daß das Nadelspiel nicht komplett war.
Am Samstag abend ohne großen Aufwand ein neues Nadelspiel zu ergattern, ist definitiv unmöglich. Improvisation traute ich mir nach fast einem Jahrzehnt Strickabstinenz auch nicht zu.
Der Gedanke ließ mich aber nicht los.
Ich stellte fest, daß am nächsten Tag im Nachbarort, in dem auch noch die Oma des bMwg wohnt, verkaufsoffener Sonntag war. Zudem ist der Nachbarort nicht nur ein Kurort, sondern auch sonst nahezu übervölkert mit alten Leuten — es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es dort kein Handarbeitsgeschäft gibt!
Also kurzfristig am Sonntag noch einen Kuchen gebacken (mit dem letzten Ei, das noch im Kühlschrank war — ein Dank an den Erfinder des Mürbeteigs!), Hund und Mann gepackt, der Oma einen Besuch abgestattet und einen Abstecher in die Stadt gemacht.
Inzwischen ist knapp eine Woche ins Land gegangen. Die “alten” Socken sind fertiggestrickt (und das, obwohl ich sie vor zehn Jahren gerade bei der komplizierten Ferse aufgehört hatte!), und aus der vorsorglich mit gekauften neuen Wolle ist schon eine zu zwei Dritteln fertige Socke geworden.
Es ist schon faszinierend, wie wenig man so etwas verlernt: Rechte und linke Maschen gehen auch nach all den Jahren auf Anhieb problemlos von der Nadel. Nur beim Randabschluß und beim Anfang der neuen Socken mußte ich im Internet abspickern.
Der Familie des bMwg konnte mein neues Treiben nicht verborgen bleiben — schließlich funktioniert der Informationsaustausch zwischen der unehelichen Schwiegermutter und ihrer Mutter, die wir am Sonntag unter so scheinheiligen Vorwänden besucht hatten, tadellos.
Heute kam der Anruf, um meine Fortschritte und Details zu Garn und Muster zu erfragen. Natürlich wurde auch argwöhnisch nach den Unterschieden zu dem wunderbaren Paar Socken gefragt, die mir Schwiegermuttern zum Geburtstag geschenkt hat.
Und natürlich gelang es mir als Strickneuling, mich komplett zum Brot zu machen: Ich fragte die Mutter des bMwg, wie sie es geschafft habe, die Fäden an “ihren” Socken so unsichtbar zu vernähen. Alle paar Reihen waren da Farbwechsel, und ich konnte beim besten Willen keinen Fadenwechsel erkennen.
Das Geheimnis war das Garn selbst: Das wechselt so oft die Musterung, daß man mit nur einem Faden so viele verschiedene Farben und Muster bekommt, die scheinbar durch Garnwechsel entstanden sind.
Bilderklärung:
Rechts sieht man Schwiegermutters Socken aus dem Wundergarn, in der Mitte meinen Strickkorb mit fertigen alten und halbfertigen neuen Socken.
(Links ist eine Hundeschnauze mit laszivem Zungenspiel, die zwar themenunrelevant ist, aber unbedingt mit aufs Bild wollte — alte Rampensau!)
Ach, Stricken ist echt was Schönes!
Wenn man abends, nach des Tages Mühen und Last, bei TV oder einem Hörspiel auf dem Sofa sitzt, die Nadeln klickern… ab und zu hört man das Knarzen des Hundekorbs, weil der Hund vor lauter Wohligkeit nicht weiß, wie sie am liebsten fläzen würde (ab und an ist auch ein ganz unromantisches und unhundedamenhaftes Schnarchen zu vernehmen)…
… dann denkt man sich:
So sieht der Weltfrieden aus.
Und die nächsten Socken stricke ich auch mit so einem Wundergarn wie die Schwiegermutter.