Towanda und die Felge
Ich hab mir die Felge verdengelt.
Nicht nur so ein bißchen, wo man ein wenig rumjammert, bis schließlich der Vater von einem Kegelbruder seinem Kumpel, der ja Autoschlosser ist, sagt: “Och, da mach ich Politur drauf und dann ist die wieder wie neu!”. Dann beruhigt man sich wieder. Und läßt das doch nie rausmachen.
Sondern so richtig verdengelt, mit einer Macke, die auf den Reifen drückt. “Schleichender Plattfuß” heißt das, und durch Materialermüdung und bei Belastung haut es einem dann ein halbes Jahr später bei 180 erst den Reifen um die Ohren und dann einen selbst gegen den Baum.
Unschöne Sache, denk ich mal. Muß man nicht haben.
Nicht, daß ich Ahnung von Reifen hätte — nein, die Diagnose ist vom bMwg. Der ist ein Mann, der kennt sich mit sowas aus. Und wenn der sagt, ich solle schleunigst die Haushaltskasse mit den Kosten für eine neue Felge belasten, dann sagt der das nicht zum Spaß. Ist ja irgendwie auch sein Geld.
Ich hab auch so eine ungefähre Ahnung, wo das passiert sein muß (Das mit der Felge jetzt. Wie der bMwg und ich zu einer gemeinsamen Kasse kommen, weiß ich noch in etwa): Da gab es diese breite Einfahrt, in die ich schmissig von der Hauptverkehrsstraße aus einbog. In der Annahme, schon dort zu sein, wo der Bordstein abgesenkt ist. War ich aber nicht, wie mir ein Rumpeln schmerzhaft verdeutlichte.
Aber ist ja auch egal — eine neue Felge muß her, und zwar subito. Tempo 180, der Reifen, der Baum. Sie wissen ja.
Zu diesem Zweck betrat ich ein Reifengeschäft, von dem ich weiß, daß die schnell liefern und auch schnell montieren. Denn den Reifen wollte ich ja behalten auf meiner neuen Felge.
Die zwei Typen hinter dem Tresen, etwa in meinem Alter, bekamen bei meinem Erscheinen diesen Blick, den viele Männer bekommen, deren Geschäft ich betrete. Dieser Blick ist ohne große Analysefähigkeiten, das Zwischenmenschliche betreffend, zu entschlüsseln und sagt:
“Komm, wir verkaufen dem Blondchen was Feines, das sie nicht braucht!”
Ich kenne das Spielchen und mache gern mit: “Guten Tag! Ich brauche eine neue Felge. Eine hab ich nämlich kaputtgefahren.” Dazu setze ich meinen besten “Huch, was passieren mir nur immer für komische Dinge!”-Blick auf.
Typ 1 wirft einen, wie ich ich finde, recht abschätzigen Blick auf mein gänzlich ungetuntes Auto (das mp3-Radio, ein Notizblock mit Saugnapf am Armaturenbrett und der Aufkleber sind die einzigen Dinge, die an dem Auto nicht serienmäßig sind) und wirft mir fragend Zahlen an den Kopf, die ich als Frage nach der Felgengröße interpretiere.
Automäßig bin ich Mac-Nutzer: Es muß funktionieren — Wie und womit, das interessiert mich nicht. Da sollen sich andere mit befassen, und dafür zahle ich auch.
Folgerichtig antworte ich mit einem souveränen “Weiß nicht — für den Fabia da draußen halt”. Ich helfe schließlich mit Fahrzeugschein aus, und endlich wittert Typ2 seine Chance:
“Hey, verkauf ihr doch die Alufelgen aus dem Angebot!”
Völlig überraschend falle ich ihm mit einem harschen “Nein!” ins Wort, noch bevor er das Wort “Angebot” ausgesprochen hat.
Schließlich habe ich ja keine Ahnung, woher nehme ich plötzlich diese Überzeugung? Ich schiebe nach: “Alufelgen sind nichts für mich.”
“Aber das Angebot ist gut, die sind nicht viel teuerer als Stahlfelgen. Zwei davon kämen auf…”
Er rechnet, und die Sache fängt an, mir Spaß zu machen. “Kein Alu. Ich bin Miss Bordstein.”
Inzwischen haben sowohl Typ 1 als auch Typ 2 Fragezeichen im Gesicht.
“Bordsteine…”, sage ich leise und beuge mich etwas vor. “Die nehm ich alle. Da laß ich keinen aus. Alufelgen wären bei mir Perlen vor die Säue.”
Ich registriere vier sehr entsetzte Augen und nutze die entstandene Stille: “Auch von der Optik her… Selbst, wenn die nicht zerkratzt sind: Ich bin ja eher so der Typ — Wenn ich das Geld hätte, würde ich mir mein Auto eher noch höher- als tieferlegen lassen.”
Mir war das bisher nicht so bewußt. Aber offensichtlich beherrsche ich eine weibliche Version von Jack Nicholsons Blick aus “Shining“. Typ 2 sah mich jedenfalls an, als hätte ich ihm gerade eröffnet, Unzucht mit hochwertigen Autoersatzteilen zu treiben (wie auch immer das aussehen mag — mit billigen No-name-Felgen auf perlmuttlackierte extrabreite Spoiler werfen vielleicht…).
Plötzlich geht alles ganz schnell.
“Gut, kein Alu”, windet er sich, und bewirft seinen Kollegen nach einem tiefen Durchatmen schleunigst mit einer Typbezeichnung für Stahlfelgen. Abschließend wirft er einen beruhigenden Blick auf die im Raum ausgestellten Alufelgen, als wolle er sagen: “Keine Angst, meine Schätzchen, ich lasse euch nicht zu der da — sie ist auch gleich wieder weg, entspannt euch!”
Der Rest des Verkaufsgesprächs lief kurz und knapp über die Bühne: “Bis wann?” — “Ist morgen da.” — Und kostet?” — “60.” — “Mit Aufziehen und Steuer?” — “Ja.” — “Alles klar. Besten Dank nochmal und bis morgen!”
Geht doch. Aber ich glaube, der war richtig froh, als ich wieder draußen war.