Towandas Turbulenzen

Bau, Macs und der ganze Rest


Objects in the rear-view mirror

Kategorie: der ganze rest — towanda am Freitag, 24. März 2006

Wenn ich mich am Feierabend so durch den Stadtverkehr gen Heimat staue, ist mir langweilig. Daher spiele ich oft Rückspiegelkino:

Wer fährt hinter mir, wer bohrt unbeachtet in der Nase? Wer befummelt den Beifahrer/ die Beifahrerin, wer staucht die Kinder auf dem Rücksitz? Wer telephoniert unerlaubterweise mit dem Händieh am Ohr (Na komm schon, ich bin nicht die Einzige, die das tut!)? Wer singt laut und inbrünstig zur Musik mit (Na komm schon, ich bin nicht die Einzige…)?

Neulich sah ich im Rückspiegel einen großen BMW. Ich fahre nur einen tschechischen Tuckerdiesel-Kombi und habe keine Ahnung von sowas. Aber es war ein sehr neues Modell, schon das mit den schrägen Augen.

Der Fahrer war ein Klassiker: Anfang bis Mitte 50, gestresst. Beruflich sicher in leitender Position. Der Anzug sieht teuer aus.

Über der Nasenwurzel hat er zwei senkrechte Falten in die Stirn graviert, er wirkt grau und schal. Der Kandidat, bei dem das Magengeschwür schon angeklopft hat. Vielleicht hat er es mit Medikamenten niedergekämpft. Oder sich mit ihm arrangiert. Nachdem es sich in seinem Gesicht vergraben hat. Was weiß ich. In den nächsten Jahren wird noch der Kollege Herzinfarkt bei ihm vorsprechen, das ist vorprogrammiert.

Ohne daß die Stirnfalte auch nur einen Millimeter weicht, fischt er sich routiniert einhändig eine Zigarette aus der Mittelkonsole und zündet sie an.

Er raucht hektisch, ohne die Mimik zu verziehen. Keine Spur von Genuß, oder wenigstens vom Weichen einer Anspannung.

Arme Sau. Im Job hast du alles erreicht. Den schicken Wagen und das feine Tuch zu den Außenterminen. Das Büro sicher mit teurem Echtholzschreibtisch und eigener Sekretärin.

Nützt dir nur nichts. Der Herzinfarkt, ich weiß es einhundertprozentig. Ein paar Jahre noch.

An der nächsten Ampel sehe ich ihn wieder. Er spricht, aber es ist niemand im Wagen. Er singt nicht mit dem Radio mit, dafür bewegt sich sein Mund zu sehr wie beim normalen Sprechen. Er flucht auch nicht über die Tschechenschubse vor ihm.

Natürlich, er telephoniert. Freisprecheinrichtung. In einem Wagen dieser Klasse sicher serienmäßig.

Und wie er telephoniert! Fast dachte ich, hinter mir stünde ein anderer Wagen mit einem anderen Fahrer.

Er wirkt so entspannt, als spreche er von seinem nächsten Urlaub. Mit der rechten Hand gestikuliert er raumgreifend und schwungvoll, als wolle er den Hügelverlauf eines Ferienortes in der Toskana andeuten. Danach zieht er an seiner Zigarette. Nicht hektisch, sondern genußvoll. Fast schon erotisch.

Ich mag Rauchen im Auto nicht. Aber es ist ein Genuß, ihm beim Rauchen zuzusehen.

Er lächelt. Nicht dieses “Ich habe im Seminar ‘Kundenaquise’ gelernt, daß man positiver rüberkommt, wenn man beim Telephonieren lächelt, auch wenn es der andere nicht sieht, daher ziehe ich mal die Lefzen nach oben”-Lächeln. Auch kein überhebliches Lächeln. Sondern ein freundliches, offenes Lächeln. Als würde er seine Enkel in den Ferien beim Toben beobachten.

Die Zigarettenhand holt aus und zeigt ganz weit weg. Fast schwelgerisch. Sie folgt den Hügeln.

Und plötzlich weiß ich: Für ihn gibt es ein Leben, nachdem er diesen Dienstwagen abgestreift hat. Und das wird nicht nur daraus bestehen, die jüngere Geliebte vor seiner Frau geheim zu halten.

Noch zehn bis zwanzig glückliche Jahre. Vielleicht irgendwo in der Toskana. Mit den Enkeln.

An der nächsten Ampel biegt er ab. Ich bin ein wenig traurig.

Es hat mich fröhlich gemacht, ihm beim Telephonieren zuzusehen.

1 Kommentar »

Kommentar von francis:

ich schau auch gern nach den menschen.
und ich mag sie auch, solche überraschungen. :-)

26.03.2006 um 04:27 |

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