Neue Beelterung
Ein lernbehindertes Ehepaar muß seine beiden Kinder an Pflegefamilien geben, da Jugendamt und Familiengericht die Eltern für zu blöd halten, ihre Kinder großzuziehen. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte revidiert diese Entscheidung — nach sieben Jahren. [welt.de | lawblog]
Ist doch klar, daß ich auf diese Geschichte anspringe. Ich habe den Film gesehen, bei dem ich gar nicht glauben konnte, daß er auf einer wahren Begebenheit beruht.
Seit über drei Jahren arbeite ich unter anderem mit Menschen mit Lernbehinderung. Einige meiner Schützlinge sind in dieser Zeit schwanger geworden oder waren Eltern. In den wenigsten Fällen waren die Umstände so wie bei den Kutzners: Familiär guter Rückhalt durch die Eltern, aufgrund der schlechten Qualifizierung zwar niedriges, aber doch regelmäßiges Einkommen und damit auch Tagesstruktur.
Nein, bei den Eltern, die ich betreu(t)e, gibt es nicht viel zu beschönigen: Die Kinder wachsen in einem Milieu auf, wo man schon wußte, daß er Weg in die Sozialhilfe (inzwischen Hartz IV) vorgezeichnet ist.
Das fing beim Wohnumfeld an: Den Vermieter respektive die Wohnbaugesellschaft und auch die Polizei kümmerte es nicht, wenn der Nachbar nachts lärmte (Musik, Randale, Suff… Wen interessiert es schon warum?), so daß die Kinder nicht schlafen konnten und damit in der Schule hinterherhinkten.
Macht nix, denn wegen der Dauererkältung aufgrund des Schimmelpilzes in der Wohnung waren sie sowieso nicht fähig, in die Schule zu gehen. Wenigstens Haustiere mußte man nicht anschaffen und bezahlen, denn die Ratten kamen gratis zur vom Sozialamt bezahlten Wohnung.
Tagesstruktur war nicht immer vorhanden: Mal gab es eine Maßnahme von der Arbeitsagentur, mal Gelegenheitsjobs, aber meistens gar nichts.
Beide Elternteile konnten meist kaum einen geraden Satz schreiben, waren mit Schreiben von Behörden gnadenlos überfordert und unfähig, darauf zu reagieren. Vielleicht, weil sie die deutsche Sprache nicht so gut beherrschten. Aber auch bei Menschen, die in Deutschland geboren sind, ist das keine Seltenheit.
Einige positive Schwangerschaftstests habe ich in diesen drei Jahren miterlebt, oder Männer, die mir in einer stillen Minute erzählten, daß sie Vater würden. Ich habe gesehen, wie sich zwei Menschen trotz widrigster Umstände auf ein Kind freuten und bereit waren, das anzugehen. Aber nie, nie hatte ich das Bedürfnis zu sagen: Nein, die können das nicht, die sollen das Kind weggeben, weil es ihm wo anders besser gehen könnte.
Mein erster Gedanke war immer nur: Wer kann helfen? Wie kann dieses unsägliche Wohnumfeld verbessert werden? Wie kann eine schulische Betreuung und Förderung organisiert sein, wenn die Eltern es nicht leisten können? Wer hilft den Eltern, an das Geld zu kommen, mit denen das Kind erst mal angezogen, gewindelt und gefüttert werden kann? (Sicher, es gibt Erziehungsgeld und Kindergeld — aber wer füllt mit den Eltern die Anträge aus? Allein schaffen die das nie und nimmer!)
Es wundert mich nicht, daß bei Kutzners von staatlicher Seite her der einfachere Weg gegangen wurde: Die Kinder aus der Familie zu nehmen und damit scheinbar alle Probleme zu lösen. Es ist nämlich ziemlich schwer, an eine begleitende, aber nicht bevormundende Betreuung zu kommen, die in diesem Fall der ganzen Familie helfen kann, es schließlich allein zu schaffen. Es ist ja schon fast unmöglich, gute schulische Förderung zu erhalten, wenn die Eltern diese nicht leisten und nicht bezahlen können.
Doch das ist verdammt nochmal nicht die Schuld der Eltern und schon gar nicht die der Kinder. Ich vermute, in diesem Fall hat es sich jemand ganz einfach gemacht, die Fehler eines Systems mit einem Radikalschnitt zu kaschieren, anstatt die feinen, maßgeschneiderten Lösungen zu suchen. Damit hat er viel Leid über eine Familie gebracht, die sieben Jahre lang getrennt war.
Und dies wurde auch noch mit einer sehr zynischen, menschenverachtenden Wortwahl begründet. Anders kann ich mir die Geschichte mit der “drohenden Verflachung des Intelligenzquotienten” und der “Chance durch neue Beelterung” nicht erklären.
Es ist nichts, was mich verwundert.
Aber etwas, was mich zum Würgen bringt.