Towandas Turbulenzen

Bau, Macs und der ganze Rest


Man spricht deutsh

Kategorie: politisches — towanda am Sonntag, 26. Februar 2006

Ein Bielefelder Fitnessstudio kündigt Kunden, die dort türkisch sprechen. Hokey hat dazu eine wunderbare Vision, und ich habe mir auch so meine Gedanken gemacht, da ich täglich mit sowas zu tun habe.

Zwar ist die Arbeit auf meinen Projekten nicht mit der Situation eines Dienstleisters in der freien Wirtschaft zu vergleichen: Bei uns ist es das Ziel, in die Gesellschaft integriert zu werden, indem man den Sprung ins Arbeitsleben schafft; Nicht das Erlangen und Erhalten von körperlicher Leistungsfähigkeit. Unsere Teilnehmer sind auch nicht immer freiwillig hier, sie können nicht (wie bei einem Fitnessstudio) sagen: “Ihr seid doof, ich geh woanders hin”.

Doch das Problem mit der Sprache taucht bei uns immer wieder auf. Zum einen sind manche Teilnehmer sprachlich einfach nicht so fit und wählen den bequemeren Weg: Bei Gesprächen mit der Pädagogin oder den Anleitern holt man sich dann eben einen Kollegen dazu, der dolmetschen kann. Und untereinander spricht man sowieso die Muttersprache.

Das wiederum ruft die anderen Teilnehmer auf den Plan, die diese Sprache (meist ist es russisch, seltener türkisch) nicht sprechen: Mit recht populistischen Parolen äußern sie ihren Unmut darüber: Wir sind schließlich in Deutschland und nicht bei den Russen, wenn sie kein Deutsch sprechen wollen, dann sollen sie doch wieder dahin, wo sie hergekommen sind.

Manche meiner Kollegen auf anderen Projekten, die mit dem gleichen Problem kämpfen, haben auf ihren Projekten Deutschpflicht durchgesetzt: Untereinander wird nur deutsch gesprochen. Auch mit den Teilnehmern, die die gleiche Muttersprache haben. Und kein Übersetzer bei Gesprächen mit Anleitern und Pädagogen.

Ich habe mich mit meinen Anleitern auf eine andere Marschrichtung geeinigt: Wenn der Unmut der Teilnehmer spürbar wird, opfere ich eine Stunde meiner Unterrichtszeit, um das Sprachproblem zu diskutieren (Jaja, lacht ihr nur — der Sozpäd an sich diskutiert eben gern alles aus…). Jede Seite bekommt erstmal Raum, um ihren Standpunkt darzulegen.

Kratzt man mit gezielten Nachfragen das Bildzeitungs-Niveau ab, sieht man, daß es den deutschsprachigen Teilnehmern hauptsächlich um ihre eigene Unsicherheit geht: Ich weiß gar nicht, was die reden, wenn sie sich unterhalten. Ich seh die reden, lachen und zu uns gucken — da denke ich, die lästern über uns, und das macht mich wütend.

Die russisch- bzw. türkischsprachigen Teilnehmer sind dann oft ganz erstaunt über die Sichtweise der deutschsprachigen Teilnehmer: Für sie wäre es seltsam, die Sprache zu sprechen, die sie nur schlecht können — vor allem, wenn man das Gespräch mit dem Gegenüber viel einfacher in der Muttersprache führen könnte.

(Wißt ihr noch, wie komisch es sich anfühlte, im Englischunterricht mit den Klassenkameraden auf englisch zu kommunizieren? Und wie viel Disziplin und Ermahnungen vom Lehrer es brauchte, um nicht doch wieder ins Deutschsprechen zu verfallen? Genau so geht es diesen Teilnehmern.)

Sind diese Punkte erst mal auf dem Tisch und von allen verstanden worden, geht der Rest ganz schnell — und vor allem freiwillig, ganz ohne Zutun der Anleiter und Pädagogen: Die deutschsprachigen Teilnehmer fühlen sich nicht mehr so verunsichert, wenn jemand ihn ihrer Nähe türkisch oder russisch spricht und dabei lacht. Und die Russisch- bzw. Türkischsprechenden achten darauf, wann sie ihre Muttersprache verwenden und wann nicht.

Bei manchen hartnäckigen Fällen steuert der Anleiter dann noch etwas gegen: Wer stur an seiner Muttersprache festhält, wird gezielt in anderssprachigen Teams eingesetzt und erhält seine Arbeitsaufträge von uns dann, wenn er alleine ist und keinen Übersetzer in Reichweite hat.

Das klingt erstmal hinterhältig, ist aber notwendig: Schließlich sollen die Leute fit für den Beruf gemacht werden, das geht eben meist nur mit halbwegs guten Deutschkenntnissen. Die wiederum bekommt man nur durch Praktizieren der Sprache (was jeder bestätigen kann, dessen Schulenglisch über die Jahre eingerostet ist).

Die Leistung “Auftrag auf deutsch genannt bekommen und richtig ausgeführt” findet dann von uns auch besondere Anerkennung.

So funktioniert das meistens, und es ist mir deutlich lieber als eine Zwangsmaßnahme per “order di Mufti” wie das Deutschsprechgebot meiner Kollegen.

Sicher, mit meinen 15 Leuten am Projekt bin ich keine Gesellschaft, sondern nur ein Mikrokosmos. Trotzdem glaube ich, damit die Wahrscheinlichkeit gesenkt zu haben, daß einer meiner Teilnehmer zu so einem Fitnessstudiobesitzer werden kann.

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