BigBrotherAwards 2005
Eine sehr gelungene Verleihung, finde ich.
Auch wenn ich nicht die Chance hatte, von Anfang an dabei zu sein: Ich fuhr schon etwas knapp los (der brennende Schreibtisch der Erwerbsarbeit läßt grüßen), und dann stand ich ab der zweiten Ampel im Stop&Go.
Wohlgemerkt, nicht ab der zweiten Ampel in Bielefeld, sondern bereits ab der zweiten Ampel auf der Bundesstraße in Richtung Bielefeld. grmpf!
So entging mir die Verleihung für den Regionalaward, den sich die Grundschule Ennigloh durch die Weitergabe von Adressdatgen von Schulanfängern an Sparkassen ziemlich dreist erworben hat.
Die Location:
Während das Schauspiel im letzten Jahr noch in einem sehr engen, heißen Raum stattfand, in dem nur die Bühne mit Logos dekoriert war, hatte man dieses Jahr Luft zum Atmen und so viel Platz, daß eine sehr originelle Saaldekoration aufgebaut werden konnte:
Am Eingang waren sporadische Berge von Reißwolfschnipseln verteilt, aus denen ab und an ein großes Auge blickte — gefertigt aus diesen Papierlampen mit einer großen aufgemalten Pupille.
Diese “Augen” hingen auch von der Decke:
Nett…
Was geht ab?
Der Ablauf war ähnlich wie im letzten Jahr: Der Preisträger und seine “Verdienste” werden in einer Laudatio gewürdigt, unterstützt durch Diashows oder andere Einspieler, die per Beamer an die Wand geworfen werden.
Nach der Laudatio wäre bei einem “echten” Preis der Zeitpunkt, daß der Geehrte den Preis entgegennimmt. Natürlich ist niemals einer der Preisträger anwesend, so daß jemand (meist (immer?) padeluun vom foebud e. V. ) den Preis entgegennimmt und den Preisträger mimt. Dabei karikiert er oft die Aussagen und Rechtfertigungen aus den Reaktionsschreiben der Beschenkten.
Denn natürlich erfahren die Geehrten von ihrem Glück (sonst wäre es ja auch reichlich sinnfrei), und eben diese Antworten hängen nach der Verleihung auch noch als Großausdrucke an der Wand. Diese Schreiben reichen von Dementi (”Ich? Niemals! So wie Sie das schreiben, stimmt das gar nicht!”) über große Freude (”Einen Preis für mich, wie nett! Aber ich kann nicht kommen, obwohl ich so gern… Aber vielen Dank!” — Nun gut, man muß ja nicht jeden Brief, den man bekommt, allzu genau lesen.) bis hin zu Vorwürfen der Üblen Nachrede und Androhung rechtlicher Schritte ob derselben.
Und wen hat’s erwischt? — Auszüge
Die Preisträger könnt ihr selbst auf der Homepage von den BigBrotherAwards nachlesen, und daher will ich nur einige kommentieren, die für mich besonders herausstachen.
Der bereits angesprochene Lokalpreis fiel besonders auf. Hier wurden Daten von Schulanfängern durch die Schule an Banken weitergegeben, die dann Werbung für das erste Bankkonto des Sprösslings zuschicken.
Dreist ist dieses Beispiel aus zwei Gründen:
Die lapidare Antwort einer Bank (nur Erinnerung: Wir reden von Banken und nicht von der Zweimann-Handwerkerbutze oder dem Tante-Emma-Laden, die es vielleicht nicht besser wissen — Seriösität und eine gewisse Sensibilität für Daten sollten bei Banken eigentlich kein Fremdwort sein!) ging in etwa in die Richtung von “Gegen den Datenschutz verstoßen? Aber nein… Wir wollten doch nur ein Geschenk machen und mißbrauchen die Daten doch nicht!” Der genaue Wortlaut ist leider auf der BBA-Homepage nicht vorhanden, und ich habe auch versäumt, den Ausdruck abzuphotographieren. Aber so in etwa habe ich die verharmlosende Reaktion in Erinnerung.
Wir reden von der Weitergabe von Daten Minderjähriger, die darauf angewiesen sind, daß andere für ihre Rechte eintreten, weil sie es selbst noch nicht können. Ja, schlimmer noch: Da die Schule die Daten an die Banken gegeben hat, sind es sogar die Daten Schutzbefohlener. Pfui Teufel.
Den Preis hat die Saatgut-Treuhand-Verwaltungs-GmbH verliehen bekommen für das Ausspionieren von Bauern und deren Anbaupraxis. Für mich waren die Themen Saatgut, zu entrichtende Lizenzgebühren und nicht zugelassene Sorten komplett neu. Interessante Hintergründe über eine pervertierte Landwirtschaft.
Natürlich, es mußte sie ja treffen: Das WM-Organisationsteam im DFB. Über die Praxis der Ticketvergabe habe ich mich ja bereits ausgekotzt und will heute inhaltlich gar nichts weiter dazu schreiben. Nur, daß ich mich über die Vergabe dieses Awards an den DFB freue. Und daß ich euch die Links zum Thema WM, Tickets und Schnüffelchips an der Karte ans Herz lege, die das BBA-Team am Ende der Laudatio zusammengetragen hat.
Klarer Fall, der Preis mußte an den ehemaligen Berufslinken und inzwischen rasiermesserscharfen Landessicherheitsfanatiker Otto Schily gehen.
Wunderbare Laudatio, die den Wandel Otto Schilys beschreibt und viele Infos zu den Gefahren der neuen Biometriepässen gibt.
Fazit:
Ganz großes Lob an den foebud e. V. und die vielen anderen Vereine, die als Jury und Laudatoren tätig waren. Und der Wunsch nach noch mehr Leuten, die für das Thema Datenschutz sensibel sind und den Finger in offene Wunden stecken.
Ich für meinen Teil werde wohl oder über am Thema dranbleiben (müssen): Meinen Teilnehmern berichtete ich am Freitag vom diesen Awards (komplett unbekannt) und riß die Problematik Datenschutz kurz an.
Darauf beschlossen sie, daß sie nächste Woche im Unterricht gern zum Thema Datenschutz schlafen tiefer in das Thema einsteigen möchten.
Na denn…