Towandas Turbulenzen

Bau, Macs und der ganze Rest


Towanda-Opa und der Hermann

Kategorie: der ganze rest, politisches — towanda am Montag, 26. Dezember 2005

An Weihnachten wird man gern etwas sentimental (Muttern nennt das “betulich”) und weich. Ob das am vielen Essen und dem Alkohol liegt oder an der vielen Verwandtschaft, mit der man sich sonst gar nicht befaßt, ich weiß es nicht. Aber auch ich kann mich dem nicht verwehren und möchte eine Geschichte von meinem Großvater erzählen, die mir beim Weihnachtskartenschreiben wieder in den Sinn kam.

Es wird etwas länger werden, also lehn dich zurück, hol dir etwas zu trinken und mach es dir gemütlich.

Vielleicht liegt es daran, daß ich nicht Guido Knopp bin - die Erfahrung nämlich, die ich gemacht habe, ist die, daß alte Menschen eher ungern vom Krieg erzählen. Zumindest trifft das auf meine Großväter zu.

Es sind seltene Momente, in denen sie erzählen. Momente, die ich nicht durch nachhakende Fragen und schon gar nicht durch Vorwürfe stören will. Ein solcher Moment ergab sich ganz zufällig, als ich mit bMwg bei meinem Opa H. zu Besuch war.

Opa, der Landwirt war und sich daher besonders für Wetter und Landschaft interessiert, fragte, ob wir hier denn auch solche Berge wie im heimatlichen Fichtelgebirge hätten. Wir berichteten, die Berge hier seien zwar nicht so hoch, doch gäbe es mit dem Wiehengebirge und den Ausläufern des Teutoburger Waldes doch einige Steigungen. Zur Verdeutlichung erzählte bMwg schmunzelnd, wie ich beim Erklimmen des Hermannsdenkmals schnaufte.

Da wurde mein Opa nachdenklich und erwähnte, er sei auch schon einmal am Hermannsdenkmal vorbeigelaufen.

Wie bitte? Mein reisemüder Opa, der Jahr und Tag nicht vom eigenen Hof herunterkam?

hermannsdenkmal

[Bildquelle: hermannsdenkmal.de]

Ja, sagte er, es war in den letzten Kriegstagen (oder auch kurz nach der Kapitulation, ich weiß es nicht mehr genau). Man habe ihn in der Marine eingesetzt. Eine absolut groteske Aktion, hatte doch mein Opa nie das Meer gesehen und von Schiffen keine Ahnung. Ob er seinen Dienst dort bereits angetreten hatte oder nicht, weiß ich nicht. Jedenfalls ist er mit zwei anderen Soldaten aus seiner Einheit desertiert und machte sich mit ihnen auf den Weg nach Hause.

Die Amerikaner waren bereits im Land, und so liefen sie nachts, auf der Flucht vor beiden Seiten: Die Nazis hätten mit Deserteuren sowieso kurzen Prozeß gemacht, und ob die Amerikaner einen Unterschied machen würden zwischen einem fahnenflüchtigen Nazi oder sich pauschal jeden vornahmen, der in Hitlers Armee gedient hat, wußte keiner so genau zu sagen.

Einer der drei, so berichtete mein Opa, hat die Flucht nicht überlebt. Ob mein Großvater gesehen hat, was mit ihm passiert ist und wie er überhaupt wissen konnte, daß er gestorben ist, weiß ich nicht. Man fragt nicht nach, in solch seltenen Momenten, aus Angst, alte Wunden aufzureißen und/ oder den Erzählfluß zu stören.

Der zweite von ihnen wollte in die Gegend um Minden, also ganz in der Nähe des Hermannsdenkmals, an dem sie auf der Flucht vorbeigelaufen sind. Von ihm hat mein Großvater nie wieder gehört.

Dies soll keine Heldengeschichte werden mit dem Titel “Mein Großvater, der großartige Deserteur”. Für einen Helden hat mein Opa das Spiel der Nazis zu lange mitgespielt (vermute ich, doch auch hier sind die Erzählmomente zu selten, um sich ein Urteil bilden zu können). Doch die Geschichte meines Großvaters soll nicht verloren gehen, denn sie ist mir wichtig. Und darum erzähle ich sie hier.

Denn zusammen mit den Äußerungen meines anderen Großvaters, der zwar gern lustige Schmonzetten aus der Zeit seiner englischen Kriegsgefangenschaft erzählt, aber immer zur Vorsicht mahnt, wenn es um irgendwie geartetes politisches Engagement geht, prägt die Geschichte von meinem Opa und dem Hermannsdenkmal mein Bild vom Krieg: Willkür (mein Opa, die Landratte, bei der Marine), Verfolgung, keine Möglichkeit zur Rechtfertigung (würde man fragen, wenn man uns sieht oder gleich schießen?) und die allgegenwärtige Angst, den Mund aufzumachen (Opa P.: “Kind, auch wenn es für eine gute Sache ist - stell dich nicht zu weit nach vorn. Denn die, die vorne stehen, sind immer als Erstes dran.”).

Welches Lebensgefühl sich daraus ergibt, kann ich noch nicht einmal ansatzweise erahnen.

Aber ich hoffe, es nie selbst erleben zu müssen.

Zeitsenke

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